in Allgemein

Warum ich als Pufferküsser ein Auto gekauft habe

Ich bin ein passionierter Eisenbahnfan. Ich habe einen Extra-Twitteraccount nur für den Bahnkram. Ich bin schonmal mitm Zug für nen Kaffee und zwei Fotos an einem Tag von Leipzig nach Warnemünde und zurück gefahren. Ich erkenne Zug- und Wagentypen an Bildausschnitten. Ich habe zwei Jahre lang mit einer BC100 etwa 120.000km auf Gleisen zurückgelegt.  Gestern kam die neue Bahncard (leider nur die „kleine“ BC25).

„Ich brauch kein Auto“ hab ich jedem erzählt, der es nicht wissen wollte. Ich habe ein Monats-Aboticket der Leipziger Verkehrbetriebe, bin Kunde beim lokalen Carsharing, ich habe kein Problem zum Einkaufen drei Haltestellen mit der Bahn zu fahren. Zum Sportplatz kann ich mich von Schiedsrichterkollegen fahren lassen und ab und zu mal dekadent mit dem Taxi nach Hause ist „immer noch billiger, als so ne Blechkiste zu bezahlen“.

Und trotzdem habe ich mir gestern nach über 10 auto-losen Jahren wieder ein Auto gekauft.

Mein einfacher Arbeitsweg mit den LVB beträgt laut Fahrplan 50min, in der Realität sind es etwas mehr als 60, weil der „fahrplanmäßige“ 1min-Anschluß am Hauptbahnhof regelmäßig so aussieht, dass die Bahn in der ich sitze, die Bahn in die ich einsteigen will aus dem Bahnhof rausfahren läßt und dann einparkt. Dafür darf ich dann täglich 2x in den Schwaden der Raucher stehen, weil die LVB nicht daran interessiert sind, Nichtraucher zu schützen und sich auf „Ist öffentlicher Grund, kannste nix machen“ zurückziehen.

Gefühlt an 2-3 von 5 Tagen in der Woche ist mindestens einer der vier Wagenzüge, mit denen ich fahren muss, verspätet. Auch wenn es nur 3min sind – der 2min-Anschluß auf den Bus für die direkt zum „Nach Arbeit noch einkaufen“-Supermarkt-Alternativstrecke ist dann halt trotzdem weg. Natürlich wartet der Bus nicht, wenn er nach dem Vorbeifahren der Bahn für sich Grün bekommt. Utopisch, dass Leute aus der Bahn in den Bus umsteigen wollen.

All das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Wenn ich den Bus verpasse, kann ich einfach „normal“ weiter fahren und steig halt zwei Stationen vor zu Hause am REWE aus. Dass die LVB in der Realität unmögliche Umsteigeverbindungen beauskunften – pfeif drauf, ich weiß ja wie es tatsächlich funktioniert. Unpünktlich und zu spät? Das kann das Auto auch, wenn ich im Feierabendverkehr aufs Linksabiegen dürfen warten muss. Raucher? Na gut, es ist im Freien und ich kann mich ja woanders hinstellen.

Aber trotzdem: Obwohl ich mit dem Auto (fast) diesselbe Strecke wie Bahn-Bus-Bahn fahren werde, wird das mich nur noch 50min am Tag kosten, statt über zwei Stunden mit den Öffis. Eine Stunde mehr Zeit pro Tag für (im Vergleich zu 2x LVB-Abo+Carsharing) monatliche Mehrkosten im zweistelligen Bereich? Sorry LVB und teilAuto, das konntet ihr nicht gewinnen.

Für teilAuto – den lokalen Carsharing-Anbieter – tut es mir ein wenig leid, denn eigentlich ist das super: Auto klicken, einsteigen und nur die konkrete Nutzung bezahlen. Statt einem Auto hatte ich ganz viele – vom Smart (zum Fußball) über Clio/Fiesta (Einkaufen) und Laguna (Wochenende bei den Eltern) bis zum Transit (Frühjahrentrümpelung) – das ist toll. Leider verkackts der Mobilitätspartner LVB und die vielen kleinen „pet peeves“ letztlich so, dass das eigene Auto doch gewinnt.