Und jedem Ende wohnt ein Zauber inne

Butter bei die Fische: Die Piratenpartei hat es hinter sich. Sie ist zwar nicht tot und es wird sie weitergeben, sie hat sich aber auf eine Weise verändert, die viele (und ich schon lange) nicht mehr mitgehen können oder die Partei auch nur wählen wollen. Ist jetzt eigentlich nicht der Big Deal, Dinge ändern sich, die Welt dreht sich weiter und manchmal merkt man eben, dass der bisherige Verein einfach nicht mehr passt und wendet sich positiveren und angenehmeren Dingen zu.

Neben den politischen Meinungsverschiedenheiten um Konzepte wie beispielsweise demokratische Teilhabe und Meinungsbildung oder soziale Themen wie das BGE ist vor allem der saumäßige und schäbige Umgang mit und untereinander – dem niemand mehr Einhalt gebieten kann, selbst wenn Einzelne dies versucht haben – der inzwischen unheilbare Krebsschaden der Piratenpartei.

Wie auch immer: Nach den Entwicklungen der letzten 18 Monate sein Heil in einer Rettung oder Wiedereroberung der Piratenpartei suchen zu wollen ist, naja, wie soll ich sagen: Wolle Brücke kaufen? Kann man machen, aber das ist dann entweder rettungslos naiv, blanke Notwehr aus der Angst heraus, ansonsten in das kalte Wasser des Neuen springen zu müssen oder man akzeptiert und legitimiert den aktuellen Zustand.

Welche Alternativen hat man denn als jemand, der sich mittlerweile deutlich von der Piratenpartei entfremdet hat, beziehungsweise einsehen muss, dass sie sich weit von einem entfernt hat?

  1. Der Austritt. Klar, das Einfachste. Geht sofort, kostet gerade mal eine E-Mail. Been there, done that (twice), got no t-shirt. Und dann? Irgendwann ist jede Klasse in World of Warcraft auf das Höchstlevel gespielt und der Wunsch, sich irgendwie politisch zu engagieren ist ja dann immer noch da. Schwierig, denn so solo ohne Netzwerk oder Mitstreiter geht nun mal nicht viel.
  2. Der Flügel. Kann man machen, gibts nebenan ja überall. Nur: Nebenan stecken diese Flügel in einer etablierten Struktur des Ausgleichs und Miteinanders zwischen den Plattformen, die es bei Piraten schlicht nicht gibt und wohl auch nie geben wird. Und ein Flügel setzt sich nicht durch, nur weil er nun organisiert ist. Das kann nicht mehr als ein digitales Verdun werden, jeder gewinnt mal 150m in der 1%-Partei um sie danach zu verlieren und noch später zurückzuerobern.
  3. Das Modell „Mia san mia“. Man könnte sich ja stattdessen im vielgeschmähten Berliner Landesverband sammeln und dort die Politik machen, die einem Spaß macht. Aber: Wo es für 10% reichen könnte, werden es vielleicht nur 5%, weil der Rest der Partei auch “Die Berliner” runterzieht. Und wenn es trotzdem für den Einzug reicht, dann ist es plötzlich ein „Erfolg von allen“. Sich ständig vom Rest der Partei abgrenzen zu müssen kostet Unmengen Energie, da kann man mit dem selben Aufwand auch erklären, dass man einen neuen Laden eröffnet hat und der nun wirklich cool ist.
  4. Die Neugründung. Mit allem was man bei Piraten vermisst und ohne alles, was bei Piraten nur Ärger macht. Aber: Man fängt eben wirklich komplett bei Null an. Kein Geld. Unterschriften sammeln. Anstrengend, vielleicht auch komplett aussichtslos – wann hat so eine Abspaltung schon mal geklappt? Andererseits: Viel aussichtsreicher war der Eintritt in eine 0,x%-Partei 2009 ja nun auch nicht. Und was gibts bei einem solchen Versuch zu verlieren? Den guten Piraten-Ruf ja wohl kaum.
  5. Rübermachen. Schauen, welche der vom viel beschworenen Wähler ernstgenommenen Parteien das kleinste Übel für einen ist und lieber den Spatz in der Hand nehmen, statt vergeblich zu versuchen, die tote Taube auf dem Dach wiederzubeleben. Ist sicher unbefriedigend, dann (am Beispiel der Grünen) damit leben zu müssen, dass man in NRW für den JMStV stimmt und eine grüne Bürgermeisterin in Berlin ein Flüchtlingsheim durch 900 Polizisten räumen lässt. Immerhin bekommt man dafür arbeitsfähige Strukturen und einen Umgang, der vermutlich ebenfalls selten total flauschig aber wohl immer noch besser als der bei Piraten ist.

Möglichkeit 6 (“Kaputtschlaaahn”) und 7 (“Weiter so!”) lassen wir mal außen vor. Keine der Optionen ist so wirklich toll. Man hatte ja schließlich gute Gründe, bei Piraten zu sein. Aber bleiben geht halt auch nicht. Und was nun? Zur Flügel-Variante hab ich folgenden Tweet gelesen: „Dann lasst uns mal diesen Flügel gründen um die bestehende Vernetzung cooler Menschen aus der Partei herauszuretten“.

Ein Netzwerk von Menschen, die sich politisch nahestehen und nach dem Absturz der Piratenpartei in die weitgehende Bedeutungslosigkeit weiter in touch sein wollen? Well, count me in. Flügel ist dafür zwar der falsche Begriff, aber die Beziehungen und Bekanntschaften, die sich in mehreren Jahren Piratenpartei gebildet haben, für eine „Nachnutzung” zu zu konservieren, kann ja so nicht schlecht sein.

An anderer Stelle wurde dann noch, eher scherzhaft, vorgeschlagen, zunächst einen Verein zu gründen, der dann eine neue Partei aufbaut. Also so mit vereinsinterner SMV, die Grundsätze, Satzung, Namen und das Logo festlegt. Das ist aber schon echt hart Meta, erstmal ne Struktur zu bauen, die wiederum ne andere Struktur schafft, damit dann dort irgendwann Politik rausfällt.

Die Vereinsidee weiter gedacht führt aber dazu, dass mit einer solchen parteiunabhängigen bzw. -übergreifenden “Mate-Connection” eben genau das oben erwähnte Netzwerk formalisiert und aufgefangen werden kann. Damit könnte man die Beziehungen und Bekanntschaften von der Piratenpartei lösen, sie unabhängig vom weiteren Fortkommen der Piraten weiterleben lassen, sie erweitern und weiter entwickeln.

Dieser Verein könnte – neben der ja trotzdem immer noch möglichen Parteigründung – als überparteilicher ThinkTank ganz klassisch ein Netzwerk Gleichgesinnter verwalten. Treffen und Konferenzen organisieren. Politische Positionen entwickeln. An gesellschaftlichen Debatten teilnehmen oder sie sogar anstoßen. Gesellschaftliche Entwicklungen strukturiert analysieren. Dinge in die Zukunft denken.

Und seine Mitglieder können und sollten dann auch Mitglied von Parteien und ihren Plattformen, NGOs, Vereinen und Verbänden dieser Gesellschaft sein und dort ihre Positionen einbringen. Eine Plattform für politisch Gleichinteressierte, progressiv, zukunftsorientiert, technikpositiv, you get the point.

Keine Partei mit all den damit einhergehenden strukturellen Zwängen, kein parteinaher “Netzpolitik-Only”-Pressemitteilungsverteiler, sondern ein gesellschaftsübergreifendes Netzwerk, dessen Positionen, Gedanken und Ideen über seine Mitglieder wiederum in andere Institutionen einsickern und so die Gesellschaft zum Positiven ändern kann.

Mitgefangen, Mitgehangen

Die Piratenpartei hat

  • sich auf dem Parteitag in Neumarkt gegen innerparteiliche Beteiligung und für eine Handvoll demokratischer Glasperlen entschieden sowie ein Wahlprogramm abgestimmt, das über die Hälfte der Anwesenden nicht gelesen hat
  • auf dem folgenden Parteitag in Bremen mehrheitlich Menschen in den Bundesvorstand gewählt, die den „Spirit von 2009“ beschworen haben und nach der verlorenen Bundestagswahl da hin zurück wollten – als hätte es Berlin 2011 nie gegeben
  • Teile dieses Bundesvorstands dann dazu getrieben, Harakiri zu begehen, um einer angeblich linken Unterwanderung zu begegnen, weil ein Mitglied beim Protest gegen Nazis sich in der Wahl der Mittel vergriffen hatte
  • führte seitdem einen selbst in der durchaus bunten Debattenhistorie der Partei unvergleichbar eskalierten „Richtungsstreit“ über den Ort, Art und Weise des dadurch notwendig geworden Zwangsparteitags und eigentlich alles andere auch
  • hat nun einen Bundesvorstand gewählt, der BGE und LiquidFeedback Scheiße findet, der den politischen Mitbewerber als Ökofaschisten beleidigt und in den zwei Menschen wieder gewählt worden, die den Zwangsparteitag von Halle erst herbeiführten.

Liebe Leute: Bitte erkennt an: Diese Partei *will* das so. Diese Partei *will* nach 2009 zurück. Unbedingt und mit allen Mitteln. Sie *will* diese kleine, kreischende, belehrende Schnappatmungs-APO sein. Sie *will* gar keine ernsthafte, neue und bessere Politik machen. Sie will es einfach nur besser wissen und alles und alle anderen blöd finden. Berlin 2011 war ein Versehen.

Es mag noch einige Resteecken wie eben den vielgeschmähten Landesverband Berlin geben, in dem man trotz allem bei 6% in der Sonntagsfrage steht. Julia im Europaparlament und im Vorstand ihrer Fraktion. Oder wo kommunal länger als von Zwölf bis Mittag gedacht und gute Politik „vor Ort“ gestaltet wird. Aber dennoch: Die Partei an sich *will* mehrheitlich dahin zurück wo sie her kam.

Die Piratenpartei *will* einfach nur der netzpolitische Arm des Heiseforums sein und das reicht ihr völlig. Reclaim your Netzpartei, kick all the Rest. Solange man in Ruhe Filme runterladen kann ist alles OK. Das haben die Entscheidungen der letzten Parteitage und nun final das Benehmen des Parteitags in Halle (Saale) klar gezeigt, sowohl programmatisch, personell und zwischenmenschlich.

Man kann natürlich davon reden, dass der unerträgliche Umgang untereinander aufhören soll und man einem solchen Benehmen Grenzen setzen muss. Aber das funktioniert nicht, wenn die Partei diesen Umgang mehrheitlich so haben *will*. Man kann natürlich auch versuchen nun einen formalen Flügel zu schaffen, wie es ihn in anderen Parteien gibt.

In einer Partei ohne jegliche Strukturen, in die sich so eine „Progressive Plattform“ einfügen kann, dürfte das aber schon organisationstechnisch zum Scheitern verurteilt sein. Aber man kann natürlich zum wiederholten (und nun wievieltem?) Mal einen „letzten Versuch“ starten. Und was könnte man damit eigentlich erreichen, außer weiterem innerparteilichen Konflikten und Stillstand oder der Erkenntnis, dass die Partei sich in „2009“ sehr gut aufgehoben fühlt und da gar nicht weg *will*?

Jeder, der nach dem Parteitag in Halle (Saale) weiter Mitglied dieser Partei bleibt akzeptiert und legitimiert damit – unabhängig von den politischen Meinungsverschiedenheiten – den unverschämten Umgang miteinander, die unsägliche Debattenkultur und die wahrlich grenzenlosen und unbeschränkten Möglichkeiten, andere Menschen verbal zu beleidigen.

Das ist es, wie diese Partei mit ihren Mitgliedern umgehen will. Und wer in ihr bleibt, muss wissen, das damit dieses Verhalten in Kauf genommen und unterstützt wird.

Krautreporter – Rein oder Raus?

Krautreporter. Ist eigentlich schon alles gesagt, aber noch nicht von mir. Weil, gestern nämlich, haben GA und Elquee dazu gebloggt, und ich glaub, das hat mir geholfen, meine diffusen Gedanken zu dem Projekt mal in ein paar Textzeilen zu destillieren. Aber von Anfang an.

Seit ner geraumen Zeit trommelt die halbe Netzgemeinde für ein Projekt namens Krautreporter, welches den „kaputten“ (Online-)Journalismus retten, wiedererfinden oder einfach nur gut machen will. Dafür will man ne knappe Million „crowdfunden“ um den 27 Redakteuren ein Jahr lang die Miete und 2-3 Packungen Nudeln finanzieren zu können.

So weit, so OK. In dem Projekt läuft einiges nicht so sehr rund und die Leute haben auch einige Fettnäpfchen mitgenommen, aber so what. Das läßt mich jetzt nicht unruhiger als sonst schlafen. Aber dennoch „grummelt“ es hier bei mir im Bauch. Da ist zum einen diese unglaubliche Überhöhung des Projekts als Retter von alles und jedem.

„Wenn Krautreporter scheitert, scheitern wir alle“ klingt es durch die Blogosphäre und sowas kann ich schon nicht ab, seit einem jede netzpolitische Petition als letzte Bastion gegen das Böse unter die Nase geschmiert wird, ohne deren Zeichnung ab morgen die Totalüberwachung ausgerufen wird. Aber darum geht’s mir weniger. Ich bin, eher zufällig, auf Weeklys gestoßen, ein weiteres journalistisches Projekt. Und daran sieht man schön, was mich an Krautreporter stört.

Die Krautreporter sagen „Gebt uns Geld, dann laufen wir los“ (und übersehen dabei, dass der „lächerliche Fünfer im Monat“ halt nicht mehr lächerlich ist, wenn es eigentlich drei Zwanziger auf einmal sind) und dafür sehr laut trommeln (lassen), versprechen letztlich dafür aber erstmal nur, dass es dann das journalistische Klinkerklunkerland voller glitzernder Textperlen gibt. Ob das am Ende auch so wird, weiß keiner.

Demgegenüber stellen sich die Macher von Weeklys hin, machen schon mal los, zeigen was sie haben und sagen „Schauts Euch an, später nehmen wir dafür Geld, aber lest’s erstmal, zahlen könnt ihr später, passtscho“. Man muss auch kein komplettes Jahresabo en bloc bezahlen, sondern kriegt wie in der Stammkneipe nen Deckel und wenn der voll genug ist, wird halt mal abgerechnet. Und mit den beiden Arbeitsproben kann man bewerten, ob’s einem behagt.

Während bei den Krautreportern der prospektive Leser dem Projekt also erstmal Vorschußvertrauen (und Vorschuß-Geld) geben muss, in der Hoffnung, dann etwas von den gebratenen Journalismustauben abzubekommen, vertrauen die Leute bei Weekly dem Leser und darauf, dass ihr Produkt gut genug ist, dass man dafür auch zahlt. Das „Wer muss hier auf wen vertrauen“-Verhältnis ist also bei genau umgekehrt. Und da fühl ich mich einfach mehr abgeholt und ernster genommen.

Die Krautreporter wollen die Netzwelt vor dem „ärgerlichen Klickvieh-Gefühl“ retten. Vielleicht wäre es besser gewesen, das nicht mit diesem ärgerlichen Bezahlvieh-Gefühl zu tun.

Disclaimer: Ich hab Weeklys tatsächlich zufällig kennengelernt und bin mit dem Projekt weder verwandt noch verschwägert. Einer der Autoren hat mich aber mal interviewt, als ich meine Zeit noch auf Piratenparteitagen verbraten habe.

Der Feind im Innern

Im aktuellen Interview mit dem Stern bekommen wir die nächste „Die NSA verletzt unsere Grund- und Bürgerrechte“-Meldung von und über Snowden serviert. Und wieder als gefühlt einzige Reaktion „Laßt ihn uns nach Deutschland holen“. Damit er uns nochmal vor Ort sagen kann, was wir seit einem Jahr wissen? NSA, GCHQ und auch „unser“ Geheimdienst – der BND – spionieren uns aus. Jeden. Alles. Immer.

Und alle jammern und meckern und darben über die NSA, ihre Totalüberwachung. Und das dass alles ja total schlimm ist. Ja, das ist es. Aber niemand setzt sich hin und sagt „Wie kriegen wir die Kuh vom Eis? Wie konnte das passieren? Wie beenden wir das? Wie verhindern wir, dass es erneut passiert?“. Stattdessen sind wir offenbar *immer* noch damit zufrieden, dass Edward Snowden uns aller 14 Tage diesen kleinen Grusel verschafft.

Immerhin, es gibt es einen kleinen Lichtblick: Der Berliner RA Prof. Härting hat – schon vor Snowden – den BND verklagt und heute gibts den ersten Showdown vor dem Bundesverwaltungsgericht im verregneten Leipzig. Ich bin da ziemlich dankbar für, denn in Zeiten, in denen

  • die NSA-Affäre keine strafrechtlichen Konsequenzen hat,
  • sich Politik und Wirtschaft lieber „gegen Google“ formieren,
  • als Konsequenz aus der NSA-Affäre grad mal „Bessere Einwilligungserklärungen in Datenverarbeitung“  gefordert werden
  • Nutzer von GMail plötzlich die neuen Umweltverschmutzer sind und
  • intellektuelle Internet-Vordenker sich zum „Daten-Veganer“ geißeln

wird offenbar vergessen, dass man ja auch mal überlegen sollte, wie man die Totalüberwachung denn mal beendet und ihre Ursachen nachhaltig beseitigt. Wir wollen in einer freien und unüberwachten Gesellschaft leben? Newsflash: Das passiert nicht, indem wir drüber bloggen, unseren Facebook-/Twitter-/Google-Account löschen oder die neue EU-Datenschutzgrundverordnung durchpeitschen. Die Geheimdienste interessiert das alles nicht.

Es sind aber nun mal die Geheimdienste und der vollständige Kontrollverlust über ihr Tun und Handeln, die unsere Demokratie gefährden. Und auch wenn ihre Funktion durchaus gewollt zu sein scheint: Wir dürfen diese unkontrollierte Ausübung von Macht nicht zulassen und deshalb den Staat im Staate mit dem Namen Geheimdienst in der bisherigen Form nicht gewähren lassen. Eine demokratische Gesellschaft muss dem System Geheimdienst den Kampf ansagen.

Und alle – ich nehm mich da nicht von aus – die weiter in Blogs, auf Twitter oder im Feuilleton rumlamentieren, wie schlimm das alles ist, alle die sich weigern die Ursachen zu benennen und notwendige Konsequenzen zu erkennen, alle die nicht an einer Lösung arbeiten, all die sind weiter Teil des Problems. Solange wir nur bellen, brauchen die außer Kontrolle geratenen Geheimdienste keine Angst haben, gebissen zu werden.

Feindbild Google

In den Feuilletons dieser Gesellschaft ist es grad en vogue, sich an Google abzuarbeiten. Springer-Chef Döpfner hat Angst vor Google, für FAZ-Herausgeber Schirrmacher ist Google der Hemmschuh, der dem neuen digitalen Qualitätsjournalismus im Weg liegt, der geschätzte Berliner Piratenchef Lauer konstatiert gar den Kriegszustand mit Google und fordert ein europäisches Suchmaschinen-Konsortium a’la Airbus, um Google Paroli zu bieten. Das geht jetzt schon ne ganze Weile so und ich versteh es nicht.

Ja, die „Internetkonzerne wie Google und Facebook“ sind „gefährlich“. Sie gefährden vor allem alte und traditionelle Geschäftsmodelle, konkurrieren mit klassischen und etablierten Medien, nehmen ihnen Umsätze, Reichweite und damit auch Macht weg und haben so ihre Reibungsflächen mit dem ebenso traditionellen Datenschutz. Aber sie gefährden nicht fundamental meine Bürger- und Menschenrechte.

Diese werden mit Füßen getreten von archaischen Geheimdiensten, denen meine Rechte völlig egal sind. Und dabei geht es nicht nur um die NSA oder den GCHQ – auch der BND und andere deutsche Behörden agieren abseits der Verfassung und ignorieren meine Rechte als Bürger und Mensch. Gedeckt und geschützt von der Politik. Der Politik, die sich in den letzten Wochen darauf eingeschossen hat, lieber den mächtigen „Internetkonzernen“ mal zu zeigen wo der Barthel den Most holt, statt die Geheimdienste einzufangen.

Dieselbe Politik, die aber gleichzeitig schulterzuckend hinnimmt, dass die uns in „unbedingter Solidarität“ verbundenen Amerikaner einfach weiter alles, jeden, überall, immer abhören. Ist halt so, kannste nix machen, guck mal da, ein Eichhörnchen! Debatte beendet. Irgendso ein oller Lateiner hat mal gesagt „Cui bono?“ – Wem nützt es? Wem nützt es, wenn Google „zerschlagen“ wird? Nützt *mir* das? Wird das eine Verbesserung meiner Bürger- und Menschenrechte bewirken?

Wohl eher nicht, denn NSA, GCHQ, BND und Co. brauchen Google oder Facebook nicht für ihre Totalspionage und es ist denen egal, ob die ein oder zehn Unternehmen vor den Fisa-Gerichten auf Herausgabe von Kommunikationsdaten verklagen. Wenn sie das überhaupt müssen, man kann ja auch Internet-Unterseekabel anflanschen oder direkt Hintertüren in Netzhardware einbauen.

Ich erwarte von der Politik, dass sie ihren Arsch hochbekommt und sich dafür einsetzt, dass meine Bürger- und Menschenrechte nicht weiter von außerhalb jeglicher Kontrolle im Netz herummarodierenden Geheimdiensten verletzt werden. Sich zum Büttel der digitalen Maschinenstürmer zu machen erfüllt diese Erwartungshaltung nicht.

Warum ich als Pufferküsser ein Auto gekauft habe

Ich bin ein passionierter Eisenbahnfan. Ich habe einen Extra-Twitteraccount nur für den Bahnkram. Ich bin schonmal mitm Zug für nen Kaffee und zwei Fotos an einem Tag von Leipzig nach Warnemünde und zurück gefahren. Ich erkenne Zug- und Wagentypen an Bildausschnitten. Ich habe zwei Jahre lang mit einer BC100 etwa 120.000km auf Gleisen zurückgelegt.  Gestern kam die neue Bahncard (leider nur die „kleine“ BC25).

„Ich brauch kein Auto“ hab ich jedem erzählt, der es nicht wissen wollte. Ich habe ein Monats-Aboticket der Leipziger Verkehrbetriebe, bin Kunde beim lokalen Carsharing, ich habe kein Problem zum Einkaufen drei Haltestellen mit der Bahn zu fahren. Zum Sportplatz kann ich mich von Schiedsrichterkollegen fahren lassen und ab und zu mal dekadent mit dem Taxi nach Hause ist „immer noch billiger, als so ne Blechkiste zu bezahlen“.

Und trotzdem habe ich mir gestern nach über 10 auto-losen Jahren wieder ein Auto gekauft.

Mein einfacher Arbeitsweg mit den LVB beträgt laut Fahrplan 50min, in der Realität sind es etwas mehr als 60, weil der „fahrplanmäßige“ 1min-Anschluß am Hauptbahnhof regelmäßig so aussieht, dass die Bahn in der ich sitze, die Bahn in die ich einsteigen will aus dem Bahnhof rausfahren läßt und dann einparkt. Dafür darf ich dann täglich 2x in den Schwaden der Raucher stehen, weil die LVB nicht daran interessiert sind, Nichtraucher zu schützen und sich auf „Ist öffentlicher Grund, kannste nix machen“ zurückziehen.

Gefühlt an 2-3 von 5 Tagen in der Woche ist mindestens einer der vier Wagenzüge, mit denen ich fahren muss, verspätet. Auch wenn es nur 3min sind – der 2min-Anschluß auf den Bus für die direkt zum „Nach Arbeit noch einkaufen“-Supermarkt-Alternativstrecke ist dann halt trotzdem weg. Natürlich wartet der Bus nicht, wenn er nach dem Vorbeifahren der Bahn für sich Grün bekommt. Utopisch, dass Leute aus der Bahn in den Bus umsteigen wollen.

All das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Wenn ich den Bus verpasse, kann ich einfach „normal“ weiter fahren und steig halt zwei Stationen vor zu Hause am REWE aus. Dass die LVB in der Realität unmögliche Umsteigeverbindungen beauskunften – pfeif drauf, ich weiß ja wie es tatsächlich funktioniert. Unpünktlich und zu spät? Das kann das Auto auch, wenn ich im Feierabendverkehr aufs Linksabiegen dürfen warten muss. Raucher? Na gut, es ist im Freien und ich kann mich ja woanders hinstellen.

Aber trotzdem: Obwohl ich mit dem Auto (fast) diesselbe Strecke wie Bahn-Bus-Bahn fahren werde, wird das mich nur noch 50min am Tag kosten, statt über zwei Stunden mit den Öffis. Eine Stunde mehr Zeit pro Tag für (im Vergleich zu 2x LVB-Abo+Carsharing) monatliche Mehrkosten im zweistelligen Bereich? Sorry LVB und teilAuto, das konntet ihr nicht gewinnen.

Für teilAuto – den lokalen Carsharing-Anbieter – tut es mir ein wenig leid, denn eigentlich ist das super: Auto klicken, einsteigen und nur die konkrete Nutzung bezahlen. Statt einem Auto hatte ich ganz viele – vom Smart (zum Fußball) über Clio/Fiesta (Einkaufen) und Laguna (Wochenende bei den Eltern) bis zum Transit (Frühjahrentrümpelung) – das ist toll. Leider verkackts der Mobilitätspartner LVB und die vielen kleinen „pet peeves“ letztlich so, dass das eigene Auto doch gewinnt.

Hoch die internationale Konnektivität

2002: Der Düsseldorfer Regierungspräsident verfügt, dass Links zu in den USA gehosteten und dort legalen Naziwebseiten in Deutschland blockiert werden müssen. Die Netzgemeinde protestiert laut und kreativ gegen diese Sperrverfügungen der Bezirksregierung. Mit im Boot der Proteste der IT-Branchenverband. Warum Netzsperren eine gefährliche Idee sind, beschreibt der CCC dauerhaft auf seiner Webseite.

2014: Der Europäische Gerichtshof verfügt, dass Google Links zu Webseiten sperren muss, auch wenn die Webseite völlig legale Inhalte verbreitet. Das netzpolitische Zentralorgan begrüßt das Urteil uneingeschränkt. In die selbe Kerbe schlägt Jan-Philipp Albrecht, Speerspitze der Netzpolitik im Europaparlament, ebenso die Lichtgestalt des deutschen Datenschutzes, der ehemalige Datenschutzbeauftragte des Bundes, Peter Schaar.

Auf der vergangenen re:publica rief der Internet-Vordenker Sascha Lobo dazu auf, Geld an netzpolitische Organisationen – wie etwa netzpolitik.org – zu spenden, um sie schlagkräftiger und wirkmächtiger zu machen. Vielleicht brauchen wir aber erstmal überhaupt eine Organisation und Vertreter, die mit unserem Geld dann mehr anfangen, als offensichtlichen und gefährlichen Unsinn plötzlich gut zu finden, nur weil er „den Datenschutz stärkt“.