in Allgemein

Zur Lage der digitalen Nation

Nachdem Sascha Lobo in der jüngsten Mittwochskolumne Angela Merkel ein eher unterdurchschnittliches Zeugnis ihrer Digitalpolitik ausstellt (und mit dem Text deutlich macht, dass die dauerhafte Maximalempörung der letzten Monate inzwischen nicht mehr steigerbar ist und nur noch resigniertes Schulterzucken bleibt) hat Marcel Weiss in seinem Blog unabhängig davon eine etwas umfassendere Analyse zur Lage der Digitalen Nation geschrieben.

Bezüglich der netzpolitischen Dimension des Ganzen ist mir ein Absatz aufgefallen, den ich hier mal etwas hervorheben möchte:

Die oben angesprochene gigantische Ausweitung der Informationstechnologie in den Alltag der gesamten Bevölkerung hat auch hier ihre Auswirkungen, die vielen Aktivisten noch nicht vollständig bewusst zu sein scheint. (Mit einem Mindset der Neunziger, das von Computern ausgeht, an denen nur interessierte, aktive Bastler sitzen -verbunden mit einer impliziten, manchmal expliziten Beschimpfung aller Nichtbastler-, entlarven sich all zu viele Aktivisten hierzulande als anachronistisch. Ein gesellschaftliches Problem, das aktuell noch größer zu werden scheint. Denn mehr denn je braucht es Menschen, die auf der Höhe der Zeit im Namen der Bürger aktiv werden.)

Und das triffts ziemlich genau. Milliarden nutzen Facebook und WhatsApp ist (inzwischen übrigens sogar verschlüsselt) auf jedem Teenager-Handy installiert. Alternativen wie Threema (wo man übrigens auch nur an die Wirksamkeit der Verschlüsslung glauben kann ohne es prüfen zu können) haben einen im Vergleich dazu homöopathischen Verbreitungsgrad. Das ist eine Realität, die man erstmal anerkennen muss.

Klar kann man auch heute noch mitm Lötkolben rumhacken und das ist sicher auch ganz spannend. Aber – und das muss auch die netzpolitische Avantgarde mal anerkennen – das sind eben dann doch nur „interessierte Bastler“ und nicht die netzpolitische Gesellschaft. Jetzt kann man natürlich daher gehen und sagen „Ja, dann müssen die eben trotzdem lernen mit nem Lötkolben umzugehen“ und ansonsten unzufrieden mit der Welt sein, die halt trotzdem weiter whatsappt.

Zielführend in dem Sinne, dass man irgendwann mal wem anders ein – besseres – Zeugnis zur Digitalpolitik ausstellen kann ist das jedenfalls nicht. Schönes Beispiel für das Fettgedruckte in obigem Zitat ist die elitäre Haltung inzwischen alt gewordener Netzaktivisten wie bspw. Jérémie Zimmermann, der sich in einem Text bei Motherboard/Vice mit

Außerdem müssen wir lernen, dass Benutzerfreundlichkeit eine Falle ist. Benutzerfreundlich bedeutet in Wirklichkeit benutzerfeindlich, wenn es dir die freie Wahl wegnimmt. Allen, die sagen „Oh, ich bin aber kein Ingenieur, ich kann das nicht verstehen“, müssen wir entgegen: Du kannst das verstehen! Werde selbstbestimmt und beginne einfach, die Architektur unserer Kommunikationsinfrastruktur zu verstehen. Nimm dein Schicksal für eine Nutzung der Technologie, die uns alle freier machen wird in deine eigenen Hände.

zitieren lässt. Well ja, genau. Weil nämlich alles gut wird, wenn wir alle erst mal fließend Assembler sprechen (und unsere Kinder dass – noch so ne netzpolitische Modeerscheinung – alle im Schulfach „Programmieren“ gelernt habe). Und diese neumodischen Fortbewegungwerkzeuge, wo man einfach ohne Vorglühen und manuellen Choke im Winter früh um 5 losfahren kann: neumodisches Hexenwerk, ich sag’s euch!

Währenddessen ergötzt sich übrigens die Speerspitze der nationalen Netzpolitik-NGOs daran, dass Leute zu blöd sind, „CACert“ zu kennen und an den (heute gar nicht mehr so ohne weiteres umgehbaren) Warnmeldungen modernere Browser zu self-signed SSL-Zertifikaten scheitern. Weil man zu *der* netzpolitischen Konferenz nämlich nur kommen darf, wenn man keineer dieser nicht eingeweihten Muggel ist.

Klar kann man auf der einen Seite einen Anspruch postulieren, die netzpolitische Gesellschaft vertreten und unsere Gesellschaft zum guten prägen zu wollen aber gleichzeitig allen „Nicht-Nerds“ mit Anlauf und Begeisterung vorn Koffer scheißen. Ob dadurch am Ende unsere Gesellschaft (netzpolitisch) eine bessere wird wenn man sich einfach nur hinstellt und sagt „Ja, lern’s halt selbst, nücha“?

Anyway: Solange die netzpolitische Avantgarde sich weiter den tatsächlichen Realitäten verweigert und in einem „Do it halt yourself“-Ideal suhlt, solange werden – da kann Lobo noch so oft Totalversagen empören – es die Angela Merkels dieser Gesellschaft sein, die die Politik der Digitalen Nation bestimmen und prägen.